Linien

Grmpf

 

wenn's nicht läuft, dann läuft's nicht

 
Manchmal läuft’s einfach. Ich treffe den Kollegen am vereinbarten Ort und wir haben uns am Morgen schon für die  gleiche Pullifarbe entschieden. Der Rest geht ohne Worte. Wir tanzen durch unser Programm, verstehen uns ohne Worte, die Arbeit geht leicht und macht Freude.
 
Und manchmal läuft’s einfach nicht. Ich hab vergessen, den Wecker zu stellen, stolper über die hungrige Katze, gieß mir Kaffee auf die Hose, muss mich umziehen und komme – natürlich – zu spät. Jeder Satz muss noch einmal erklärt werden, weil wir uns nicht auf Anhieb verstehen – die Kollegin ist auch müde. Es fühlt sich an wie in einem Morast, die Arbeit ist mühevoll und erschöpfend. Und je mehr ich strampel, umso schlimmer wird’s.
 
Die meisten Tage sind ja so Mitteldinger, was Gutes und was Blödes. Das Blöde sehen wir immer eher und deutlicher, das Gute müssen wir bewusst suchen (obwohl es fast immer das Blöde überwiegt). Damit komm ich gut klar.
 
Aber so Tage, an denen nichts zusammenpasst, an denen alles irgendwie „Grmpf“ ist? Was mach ich damit? Jammern hilft ja nix (ich hab das ausgiebig probiert, wirklich!) und ich komme da auch so schlecht wieder raus, also aus dem Jammern. Wenn es ganz schlimm kommt, habe ich einen Trick: ich mach etwas, was ich richtig gut kann und schaffe mir so ein Erfolgserlebnis. Ja, es ist ein Trick, ja, ich weiß das, und trotzdem: es funktioniert. Ich fühle mich besser. Ich bin raus aus dem „alles doof“-Kreislauf.
 
Zum Glück habe ich nicht so viele Grmpf-Tage. Das kann damit zu tun haben, dass ich die anderen Ausnahmetage genieße. Das mache ich so ähnlich. Ich erzähle anderen von diesen schönen Situationen und erinnere mich wieder daran. Und je mehr ich mich an gute Erfahrungen erinnere, desto mehr prägen sie auch meine Sicht auf die Welt.
 
Leider funktioniert das mit den schlechten Erfahrungen genauso. Darum sollten wir viel öfter über die schönen Dinge reden, die schlechten Erfahrungen werden wir schon nicht vergessen. Wir können selbst ganz bewusst entscheiden, welchen Erlebnissen wir mehr Raum geben wollen. Das braucht etwas Übung. Wir wissen es ja schon: Meckern und jammern können wir viel länger, als loben und uns freuen. Das gilt natürlich auch für unsere Gebete. Gott um etwas bitten, das geht meist viel leichter und flüssiger als die Dankgebete. Da müssen wir länger nachdenken. Denn das Gute wird uns zur Natur, es wird selbstverständlich und normal. Über den Kaffee, denn mir die Kollegin am Morgen hinstellt, freue ich mich eine Woche lang. Danach ärgere ich mich, wenn sie es nicht tut. So sind wir eben – aber so müssen wir nicht bleiben. Es gibt so viel selbstverständlich und normales Gute, über das wir uns freuen können; von den alltäglichen Dingen – ich hab genug zu essen, kann sogar auswählen, was ich will – bis zu den ganz speziellen – diesen Pulli hat er nur für mich gestrickt.
 
Der Kollege mit dem Pulli übrigens hat mit mir Gottesdienst gefeiert. Und wir sind beide mit der Überzeugung gegangen: das war mal eine richtige Kraftquelle! Ich wollt’s nur mal sagen. Gott hilft nämlich auch bei Grmpf-Tagen, weil unser Gott eben der Ich-bin-da ist, kein Schön-Wetter-Gott, sondern einer der sogar dann für mich da ist, wenn ich ganz unvorbereitet bin, und mir den Rücken stärkt und manchmal sogar die richtigen Worte bereithält, auf die ich auch bei bester Vorbereitung nie selbst gekommen wäre.
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com